Gut, besser, bitter. Warum wir natürliche Bitterstoffe wiederentdecken sollten

Gut, besser, bitter. Warum wir natürliche Bitterstoffe wiederentdecken sollten

Natürliche Bitterstoffe haben eine lange Geschichte. Schon in den Darstellungen von Hildegard von Bingen spielen Kräuter dieser Art eine große Rolle. Nicht nur, weil Bitterstoffe die Verdauung anregen, sondern auch, weil Gemüse in vergangenen Zeiten wesentlich mehr Bitterstoffe enthielt. Leider war das der Industrie ein Dorn im Auge. Und so entwickelten sich unsere Lebensmittel hin zum Süßen. Natürliche Bitterstoffe verschwanden allmählich.

Der berühmte Arzt Theophrastus Bombast von Hohenheim, bekannter unter dem namen Paracelsus, würde sich im Grabe umdrehen. Denn knapp vier Jahrhunderte nach Hildegard von Bingen meinte er: “Der Tod sitzt im Darm!” Daraufhin bastelte er an einem wundersamen Elixier mit Bitterwurzeln. Eine Komponente des bekannten Schwedenbitter.

Heute wissen wir noch mehr über diese faszinierenden Stoffe. Bitterstoff-Pflanzen und deren Extrakte eignen sich bei Magen-Darm-Beschwerden sowie Appetitlosigkeit und ihnen werden in der Pflanzenheilkunde noch wohltuende Wirkungen bei Müdigkeit, Stress und Erschöpfung zugeschrieben. Was Bitterstoffe sind, wie sie genau wirken und ob Paracelsus recht hatte – das zeigen wir dir in diesem Beitrag. Disclaimer: Der Artikel ist als Erstinformation für dich gedacht. Das ersetzt keinen medizinischen Rat von einem Arzt.

Was sind Bitterstoffe

Durch Bitterstoffe bekommen Produkte, du hast es bereits erraten – einen bitteren Geschmack. Soweit nichts Neues. Das wusste schon Adriaen Brouwer 1636, der die aus heutiger Sicht lustige Reaktion eines Mannes auf bittere Medizin auf dem Gemälde mit dem Namen “Der bittere Trank” festgehalten hat. Und auch, wenn wir heute noch immer ein wenig das Gesicht bei einer gesunden, aber herben Medizin verziehen – das ist natürlich und gehört dazu.

Apropos “natürlich”. 250 Pflanzen sind bekannt, die natürliche Bitterstoffe enthalten und medizinisch verwendbar sind. Dazu gehören beispielsweise die Teufelskralle, Wermut und Schafgarbe. Diese Heilpflanzen enthalten einen unterschiedlich hohen Bitterwert. Dieser Wert dient als Abgrenzung sowie Maßzahl und wird in einem standardisiertem Verfahren festgestellt.  Stell dir das wie die Gramm-, Dekagramm und Kilogramm-Angaben vor. Auch hier wissen wir durch den Wert bescheid, was leichter oder eben schwerer ist. Zum Vergleich: Wermut hat einen Bitterwert von 10.000, Schafgarbe von etwa 3.000. Viel interessanter als Wertangaben ist allerdings der Effekt dieser natürlichen Medizin. Verglichen wird übrigens immer mit Chininhydrochlorid. Diese chemische Verbindung hat einen Bitterwert von 200.000. Chinin selbst kommt in der Chinarinde vor und wird zur Malariabehandlung eingesetzt. Aber zurück zu den Bitterstoffen. Welchen Effekt haben sie auf unsere Gesundheit?

3 gesundheitsfördernde Wirkungen von Bitterstoffen

Das hört sich momentan etwas paradox an, oder? Einfach bitter essen, und alles ist gut? Tatsächlich befinden sich in unserem Körper viele Bitterstoff-Rezeptoren, sogenannte “T2Rs”. Diese Rezeptoren werden durch die Bitterstoffe aktiviert.

Wir haben diese Rezeptoren, damit unser Körper gefährliche Stoffe erkennt und wir darauf reagieren können. Das hat einen einfachen Grund: Gift schmeckt oft bitter.

Für uns ist das eine Win-Win-Situation. Einerseits helfen uns die Rezeptoren, gefahren zu erkennen, andererseits können sie auch die Freisetzung von Hormonen auslösen, die die Appetitregulation und Insulinsensitivität kontrollieren. Damit sind sie nützlich für unsere Ernährung.

Was so technisch klingt, heißt, dass unsere Magensäure, Galle und Enzyme gefördert werden, um unsere Nahrung besser abzubauen. Sehen wir uns drei Wirkungen konkret an.

1. Natürliche Bitterstoffe sind Verdauungsfördernd

Die Bitterstoffe sorgen dafür, dass unser Verdauungssystem sauber, elastisch und in Höchstform bleibt. Vitamine werden besser aufgenommen.

2. Ein Freund der Leber

Was bewirken Bitterstoffe in der Leber? Manche Bitterstoffe helfen unserem körpereigenen Entgiftungszentrum bei der Entfernung von Giftstoffen. Beispielsweise die der Artischocke. Bei einem Laborversuch stellten Wissenschaftler fest, dass das Extrakt der Artischocke einen schützenden Effekt auf die Leber hat und eventuell sogar die Regeneration unterstützen könnte (Ben Salem M. et. al., Pharmacological Studies of Artichoke Leaf Extract and Their Health Benefits, 2015).

3. Eine Hilfe beim Abnehmen?

Oft liest man, dass Bitterstoffe auch beim Abnehmen helfen können. Wie funktioniert das? Die Theorie ist folgende: Wenn du mal Hunger auf Süßes hast, iss vorher etwas bitteres. Dadurch lässt dein Appetit nach. “Iss mal bitteres” ist allerdings leichter gesagt als getan. Außerdem würden Lebensmittel oft zu wenig Bitterstoffe enthalten, um den Heißhunger zu verringern. Deshalb wird meist auf Ergänzungsmittel zurückgegriffen. Was sind aber die tatsächlichen Erfahrungen?

Mit Bitterstoffen abnehmen – Erfahrungen:

Das Gesundheitsportal der deutschen Apotheker hat den Check gemacht und Experten interviewt. Dr. Wolfgang Meyerhofer sagt beispielsweise dazu, dass es keine anerkannten Studien gibt, die belegen, dass Bitterstoffe – im Wortlaut “bitterer Geschmack” – den Appetit verringern. Denn eigentlich ist das Gegenteil der Fall: Unser Appetit wird angeregt. Die Abnehm-Debatte wurde vor allem durch Dr. Anne Fleck angeregt, die über die positiven Erfahrungen im NDR sprach. Wenn der Heißhunger bei ihren Patienten nicht aufhört, hat sie mit Bitterstoffextrakten erfreuliche Effekte erzielt. Ein allgemeiner Tipp ist aber immer noch: Auf Zucker verzichten, Ernährung umstellen und sportlich aktiv werden. Liest man sich Erfahrungen im Internet durch, sind sowohl die appetitanregenden Effekte als auch jene gegen den Heißhunger auf Süßes ein Thema.

Wo sind natürliche Bitterstoffe enthalten?

1. Artischocke

Die Artischocke ist dein ganz persönlicher Gesundheits-Helfer. Sie kommt als Gemüse sowie Pflanze vor, hilft bei Magen- und Darmbeschwerden und regt die Darmbeweglichkeit an.

Durch die Förderung von Gallen- und Leberfluss werden Bluttfettwerte gesenkt. Außerdem geht der Cholesterinspiegel zurück und die Verdauung wird angeregt. Insgesamt wirken sich Artischocken gut auf die Verdauungs und Leber aus. Wenn du also öfter an Blähungen, Sodbrennen oder Übelkeit leidest, kannst du auf Artischocken zählen.

Je nach Quelle enthalten Artischocken höchstens vier bis sechs Prozent Bitterstoffe. Speziell durch den Bitterstoff “Cynaropikrin” bildet sich Magensäure und regt deinen Appetit an.

Zu beachten ist, dass Artischocken nicht bei Gallensteinen oder Allergien gegen Korbblütler gegessen werden sollten. Wenn du gerade ein Baby bekommen hast, solltest du auch darauf verzichten, da die Milchbildung gehemmt wird.

Zusammengefasst ist folgendes über die Artischocke zu sagen:

  • Wird angewendet bei Magen-Darm-Beschwerden
  • Wirkt als Leberschutz
  • Ein Appetitanreger
  • Senkt Cholesterinspiegel

2. Mariendistel

Die Mariendistel ist durch ihre violetten Blüten und den knotigen Wuchs kein besonders schöner Anblick. Aber der Schein trügt, denn die Mariendistel ist laut der Publikation “Milk thistle in liver diseases: past, present, future”, die am besten erforschte Pflanze zur Behandlung von Lebererkrankungen.

Der Wirkstoff in der Mariendistel wird Silymarin genannt, dessen Hauptwirkstoff Silybin ist. Silymarin kann bei Leberproblemen eingesetzt werden (Aller R. et. al. Effect of silymarin plus vitamin E in patients with non-alcoholic fatty liver disease. A randomized clinical pilot study. 2015).

Es gibt aber auch gemischte Resultate, die nicht immer einen positiven Effekt festgestellt haben. Besonders bei einem ungesunden Lebensstil gibt es noch zu wenig Hinweise darauf, dass du durch die reine Einnahme eine Lebererkrankung verhinderst.

Allerdings wird dem Wirkstoff in einer Studie aus dem Jahr 2017 eine antioxidative, entzündungshemmende und antifibrotische Wirkung zugeschrieben (Federico A. et. al., Silymarin/Silybin and Chronic Liver Disease: A Marriage of Many Years, 2017).

Mariendistel könnte außerdem bei Alzheimer helfen. Studien haben gezeigt, dass ein Rückgang der Gehirnfunktion verhindert werden könnte. Bei einem Laborversuch zeigte sich, dass Silymarin ein vielversprechendes Mittel zur Vorsorge gegen Alzheimer ist (Mutana N. et. al., Silymarin attenuated the amyloid β plaque burden and improved behavioral abnormalities in an Alzheimer’s disease mouse model, 2010). Wichtig zu wissen ist, dass diese Wirkung bei Menschen noch nicht genau untersucht wurde.

Auch bei Akne könnte dir die Mariendistel als Helfer zur Seite stehen, da es bei einer Untersuchung innerhalb von 8 Wochen zu einem 53 %igen Rückgang von Akne kam (Ahmed Salih Sahib et. al., Effects of Oral Antioxidants on Lesion Counts Associated with Oxidative Stress and Inflammation in Patients with Papulopustular Acne, 2012).

Insgesamt ist der Wirkstoff von Mariendisteln vielversprechend, denn neben den aufgezählten Studien ist bereits auch zur Verringerung des Blutzuckers und der Verstärkung der Knochenstruktur geforscht worden. Es benötigt aber noch weitere Arbeiten, um die Wirkung dieser spannenden Pflanze näher kennenzulernen.

3. Enzian

Auch der Enzian hat als Heilkraut eine lange Geschichte. Für die Römer war die Pflanze ein medizinisches Mittel bei Verdauungsbeschwerden. Im Mittelalter galt Enzian als eine Arznei für “alles”. Heute kennen wir den Enzian nicht nur als Pflanze, sondern vor allem auch als Schnaps.

Die alten Römer hatten recht. Der Enzian hat durch seine natürlichen Bitterstoffe tatsächlich eine verdauungsfördernde Wirkung. Wie bei der Artischocke, kann er sowohl bei Appetitlosigkeit als auch Müdigkeit helfen. Der Enzian regt die Magensaftproduktion an, was auf uns appetitanregend wirkt. Außerdem ist er antioxidativ und antimikrobiell. Das heißt, es wird Stress entgegengewirkt und hemmt das Wachstum von von Mikroorganismen wie Bakterien.

Enzian sollte bei einem Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür nicht verwendet werden. Frauen während der Schwangerschaft und Personen unter 18 Jahren sollten auf die Pflanze und deren Wirkstoffe verzichten, da keine Untersuchungen zur Wirkung vorliegen.

In welchen Lebensmitteln sind Bitterstoffe enthalten? Eine Liste.

Bitterstoffe kannst du mit folgende Lebensmitteln in deine tägliche Ernährung einbauen:

  • Rucola
  • Brokkoli
  • Rettich
  • Endiviensalat
  • Blumenkohl
  • Artischocken
  • Grapefruits
  • Orangen
  • Zitronen
  • Hirse
  • Amaranth
  • Ingwer
  • Rosmarin
  • Thymian
  • Salbei

Wie du sicher bemerkt hast, lassen sich die Lebensmittel in Gemüse, Obst, Getreide, Gewürze und Kräuter einteilen.

Speziell Gemüse wie Rucola, Brokkoli und Rosenkohl enthalten sogenannte Glucosinolate. Das sind schwefelhaltige Verbindungen.

Die Kreuzblütler werden oft mit Krebsprävention in Verbindung gebracht. Die Studienlage war hier allerdings 2007 inkonsistent. Wissenschaftler kamen jeweils zu unterschiedlichen Ergebnissen. (Jane V. Higdon et. al., Cruciferous Vegetables and Human Cancer Risk: Epidemiologic Evidence and Mechanistic Basis, 2007).

Du trinkst täglich einen bekannten Wachmacher? Gut für dich, denn neben den aufgezählten Lebensmitteln enthält auch Kaffee Bitterstoffe. Die entstehen beim Rösten. Faustformel: Je dunkler geröstet, desto bitterer schmeckt der Kaffee. Wie die österreichische Zeitung “DER STANDARD” 2017 schreibt, hat eine Studie der Universität Wien für aufsehen gesorgt. Denn der Autor Marc Guner hat statistisch festgestellt, dass das Trinken von Kaffee – populärwissenschaftlich ausgedrückt – deine Lebenszeit verlängern könnte. Der Forscher beschreibt das so: “Kaffeetrinken war mit einem reduzierten Risiko für Todesfälle aus verschiedenen Gründen verbunden.” (Gunter MJ. et. al., Coffee Drinking and Mortality in 10 European Countries: A Multinational Cohort Study, 2017).

Wo kannst du Bitterstoffe kaufen und was solltest du beachten?

Beim Kauf von den Mittelchen ist laut Dr. Anne Fleck darauf zu achten, dass die Produkte am besten keine Konservierungsstoffe und Alkohol beinhalten. Aber wo kannst du Bitterstoffe kaufen? In der Apotheke, aber auch im Internet. Beispielsweise enthält ein Produkt von uns Mariendistel und Artischocke, also Pflanzen mit natürlichen Bitterstoffen.

Paracelsus, der Darm und Bitterstoffe

Hatte Paracelsus nun mit seinem Spruch: “Der Tod sitzt im Darm!” recht? Ja, da ist etwas Wahres dran. Ganz wörtlich sollten wir den guten Bombastus allerdings nicht nehmen. Wesentlich erfreulicher hat das gegenwärtig eine junge Medizinerin dargestellt. Wie wir in unserem Artikel “Milchsäurebakterien im Darm: Wie sie deine Gesundheit beeinflussen” beschreiben, ist der Darm ein unterschätztes Organ, das unglaublich viele Funktionen hat. Schreiben wir das Zitat also um: “Die Gesundheit sitzt im Darm!” Und was hat das mit Bitterstoffen zu tun? Durch Bitterstoffe werden Enzyme ausgeschüttet und die Aufnahme von verschiedenen Nährstoffen verbessert. Durch die Ausschüttung von Verdauungssäften werden unsere Organe sofort auf ihre Arbeit vorbereitet. Insgesamt wirken Heilkräuter mit Bitterstoffen wie ein Turbo für unser Verdauungssystem.

Ein altes Sprichwort besagt: “Was bitter im Mund, ist dem Magen gesund.” Was damals beobachtbar war, können wir heute genau erforschen. Die vorgestellten Studien zeigen, dass an dem Spruch durchaus etwas Wahres dran ist.

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